POSITIVE CORNER #30: Afrikanische Philosophie und globale Ethik

Wie können Menschen unterschiedlicher Kulturen gemeinsame Maßstäbe für ein gutes Zusammenleben entwickeln? Eine zentrale Frage für die Weltgemeinschaft und die Vereinten Nationen als ihre zentrale Organisation. Die Suche nach einer globalen Ethik wird bisher stark von westlichen Denktraditionen geprägt. Philosophische Ansätze aus Asien wie der Buddhismus oder der Konfuzianismus sind zumindest vielen Menschen außerhalb ihrer Herkunftsregionen vertraut. Eine afrikanische Perspektive ist im globalen Bewusstsein dagegen weit weniger präsent: Die in Afrika weit verbreitete Sozial-Philosophie Ubuntu.
Auch in der wissenschaftlichen Debatte wird die noch vorliegende Beschränktheit der vorherrschend westlichen Prägung ethischer Diskurse gesehen (vgl. Thaddeus Metz (2014) Harmonizing global ethics in the future: a proposal to add south and east to west, Journal of Global Ethics, 10:2, 146-155, DOI:
Ubuntu wird oft mit „Ich bin, weil wir sind“ umschrieben. Dahinter steht ein Verständnis von Menschlichkeit, das Würde, gegenseitige Anerkennung und Verantwortung nicht allein vom Individuum her denkt, sondern von den Beziehungen zwischen Menschen. Die Frage lautet dann nicht nur: „Was steht mir zu?“, sondern auch: „Wie sorgen wir gemeinsam dafür, dass alle Menschen in Würde leben können?“
Ubuntu ist außerhalb des südlichen Afrikas noch kein allgemein vertrauter Begriff. Im internationalen Fachdiskurs findet die Philosophie jedoch zunehmend Beachtung, unter anderem in Debatten über globale Gerechtigkeit, Führung, Bildung und Nachhaltigkeit. Ihr Beitrag liegt nicht darin, westliche oder asiatische Traditionen zu ersetzen. Sie kann sie ergänzen und herausfordern: Was übersehen wir, wenn wir Freiheit vor allem als Eigenschaft Einzelner verstehen und die Qualität unserer Beziehungen zu wenig beachten?
Gerade darin liegt ihr Potenzial für eine globale Ethik. Gemeinsame Werte entstehen nicht dadurch, dass eine Tradition ihre Antworten zur Norm für alle erklärt. Sie können im Dialog wachsen, wenn unterschiedliche Erfahrungen und Denkweisen als gleichwertige Beiträge ernst genommen werden. Ubuntu bringt in diesen Dialog eine einfache, aber anspruchsvolle Einsicht ein: Unser Handeln ist auch daran zu messen, was es mit der Würde anderer und mit unserer Fähigkeit zum Zusammenleben macht.
Auch für die ω-Dimension der Führung lohnt es sich deshalb, Ubuntu genauer zu betrachten. Da, wo diese Dimension nach dem tieferen Sinn und der Verantwortung von Führung fragt, bietet Ubuntu einen wichtigen Prüfstein: Fördert eine Organisation nur Ergebnisse oder auch Menschlichkeit? Stärkt sie Vertrauen, Teilhabe und die Fähigkeit, langfristig gemeinsam zu handeln? Nachhaltigkeit betrifft dann nicht allein Ressourcen und Kennzahlen, sondern ebenso die sozialen Beziehungen, von denen jede Organisation lebt und existentiell abhängt.
Ubuntu ist keine fertige Antwort auf die Fragen der Weltgemeinschaft, aber eine enorme Bereicherung für einen dialogischen Weg zu diesen Antworten. Seine verschiedenen Ausprägungen verdienen eine sorgfältige Auseinandersetzung statt einer schnellen Übernahme als Managementformel. Nicht nur zu Fragen der Ubuntu-Philosophie als solcher, sondern auch zu Fragen ihrer Bedeutung für die Führung und Gestaltung von Organisationen liegen vor allem in Afrika selber bereits vielfältige wissenschaftliche Studien und praktische Erkenntnisse vor, die eine globale Wahrnehmung verdienen.




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