POSITIVE CORNER #22: Mehr gemeinsam, als wir denken: Was die Führungsforschung über universelle Werte und die "ω-Dimension" verrät
Das Beachten von Diversität bzw. individueller und kultureller Verschiedenheiten ist ein zentrales Element für ein erfüllendes Zusammenleben und -arbeiten von Menschen weltweit. In unserem inzwischen "globalen Dorf" hat das Thema zuletzt und zurecht viel Aufmerksamkeit erhalten. Vielleicht war das Thema in Zeiten, in denen die Globalisierung noch in den Kinderschuhen steckte, nicht ganz so drängend. Bedeutung hatte es schon immer.
Seit Längerem ist jedoch der Diskurs über unsere Verschiedenheiten fast omnipräsent. Wir beleuchten intensiv die Unterschiede zwischen Generationen, Länder, Kulturen sowie Menschen mit ihren Weltanschauungen, Lebensentwürfen u.v.m. Wir erleben darin auch das Bemühen, all diese Verschiedenheiten unter einen Hut zu bringen - und wie schwierig das erscheint!
Dabei geht oft unter, dass es einen erstaunlich stabilen Kern universeller, menschlicher Werthaltungen und Präferenzen gibt. Auch und gerade für die Führung von Organisationen sowie ein erfolgreiches Diversitätsmanagement ist das von zentraler Bedeutung. Die Wissenschaft hat das erkannt und bemerkenswerte Belege dafür gesammelt.

Eine der umfangreichsten Studien dazu ist das GLOBE‑Projekt: 170 Forschende begannen Ende der 1990er Jahre mit der Befragung von zunächst rund 17.000 Führungskräften in 61 Kulturen zu ihren Wertorientierungen, Organisationspraktiken und Vorstellungen „außergewöhnlich guter Führung“. Sie wollten wissen: Was wird überall auf der Welt als gute Führung wahrgenommen – und wo unterscheiden sich Kulturen tatsächlich?
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: GLOBE identifizierte 21 Führungsattribute, die weltweit als positiv gelten, darunter Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Voraussicht, Ermutigung, Kommunikation, Teamorientierung und Exzellenzstreben. Gleichzeitig fanden die Forschenden acht Eigenschaften, die fast überall als hinderlich für Führung angesehen werden, etwa Asozialität, Unkooperativität, Reizbarkeit, Egomanie, Rücksichtslosigkeit und Herrschsucht.
(ref. House, R. J., Hanges, P. J., Ruiz-Quintanilla, S. A., Dorfman, P. W., Falkus, S. A., and Ashkanasy, N. M. (1999). Cultural influences on leadership and organizations: Project Globe. Advances in Global Leadership. Edited by W. H. Mobley, M. J. Gessner, and V. Arnold. Bingley, UK: Emerald Group Publishing Ltd.171-233.
Mit anderen Worten: Menschen weltweit wünschen sich Führung, die integer, gerecht, verlässlich, inspirierend und teamorientiert ist, und lehnen Führung ab, die egozentrisch, abgrenzend und autoritär ist. Die 21 universell positiven Führungsattribute aus GLOBE korrespondieren zudem sehr gut mit dem, was wir in den modernen Ansätzen der Positiven Psychologie als empirisch erforschte, universelle, menschliche Tugenden kennen: Weisheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Mut und Transzendenz.
(ref. Dahlsgaard, K., Peterson, C., & Seligman, M. E. (2005). Shared virtue: The convergence of valued human strengths across culture and history. Review of general psychology, 9(3), 203-213, https://ppc.sas.upenn.edu/sites/default/files/strengthsacrosshistory.pdf)
Die Nähe zu den großen philosophischen Schulen der Weltgeschichte und deren vielfältigen Übereinstimmungen im Hinblick auf menschliche Werte und Tugenden ist nicht zufällig.
Natürlich gibt es auch kulturelle Nuancen. GLOBE zeigt deutlich, dass bestimmte Merkmale, etwa Risikofreude oder Autonomie, in manchen Kulturen positiv, in anderen eher kritisch gesehen werden. Aber diese Variationen bauen auf einem starken gemeinsamen Fundament auf. Der Kern bleibt eine Frage, die für die ω-Dimension der Führung zentral steht: Wir können wir vertrauenswürdige, faire, fürsorgliche und kompetente Führung leben, egal, ob in Zürich, São Paulo oder Jakarta?
Für Organisationen, die ihre Vielfalt richtig nutzen möchten, ist die Berücksichtigung dieses Aspektes in der ω-Dimension der Führung bedeutsam. Es reicht nicht, Unterschiede zu betonen. Mindestens ebenso wichtig ist, die universellen, menschlichen Werte konkret sichtbar und erlebbar zu machen: Integrität, Respekt, Verantwortung, Kooperation, Lernorientierung. Dafür steht die ω-Dimension der Führung. Auf dieser Basis bleibt Diversität keine komplexe Herausforderung, sondern wird zum Teil der Vielfalt an Ausdrucksformen einer universellen Menschlichkeit.
ω-Frage: Welche anderen Ausdrucksformen universeller Menschlichkeit gibt es noch und wie machen wir sie zugänglich?




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